ChatGPT oder ein Mensch: Wann eine Entscheidung ein Gegenüber braucht
Für die Vorarbeit nicht: ChatGPT ordnet Gedanken, liefert Gegenargumente und formuliert, was Sie schwer in Worte fassen. Es kennt Ihr Umfeld nicht, trägt keine Verantwortung und neigt dazu, Ihnen zuzustimmen. Für die Entscheidung brauchen Sie ein Gegenüber, das widerspricht, ohne dass Sie es bestellt haben. Winn Chelini führt diese Gespräche als Sparringspartner in Zürich, an der Goldküste und in Zug.
Wofür taugt ChatGPT als Sparringspartner wirklich?
Für drei Dinge, und für die ist es gut. Erstens Struktur: Sie diktieren zwanzig Minuten lang, was Ihnen zur Nachfolge, zum Geschäftspartner oder zum Angebot aus London durch den Kopf geht, und erhalten eine Gliederung zurück, die Sie so nicht geschrieben hätten. Zweitens Gegenargumente: «Nenne mir die fünf stärksten Gründe gegen den Verkauf» liefert in Sekunden eine Liste, die vollständiger wirkt als alles, was Ihr Umfeld bisher gesagt hat. Drittens Formulierungen: der heikle Satz an den Mitgesellschafter, die E-Mail an den Kaufinteressenten, die Einladung zum Familiengespräch – die KI macht aus einem rohen Gedanken einen brauchbaren ersten Entwurf.
Das ist nicht wenig, und Sie sind damit nicht allein: 76,1 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz geben an, regelmässig ChatGPT, Gemini, Perplexity, Grok oder ein ähnliches Werkzeug zu nutzen (Comparis/Innofact, März 2026, 1’035 Befragte); über 40 Prozent der Nutzenden stellen ihre Fragen inzwischen der KI statt einer Suchmaschine. Wer vor einer grossen Entscheidung steht, hat sie meist schon mit einer KI durchgespielt, bevor er mit einem Menschen darüber spricht. Das ist vernünftige Vorarbeit – aber nicht dasselbe wie Sparring.
Warum gibt Ihnen die KI so oft recht (Sycophancy)?
Weil sie dafür gebaut wurde, dass Sie zufrieden sind. Sprachmodelle werden nach dem eigentlichen Training mit menschlichen Bewertungen nachjustiert: Antworten, die Menschen gut finden, werden verstärkt. Menschen finden Antworten gut, die ihre Sicht bestätigen. Die Hersteller kennen das Problem und nennen es Sycophancy – die Neigung des Modells, der Haltung der Nutzenden zu folgen statt der zutreffenderen Antwort. Anthropic hat den Mechanismus 2023 in einer eigenen Untersuchung beschrieben: Menschliche Rückmeldungen begünstigen Antworten, die den Überzeugungen der Fragenden entsprechen, und das Modell lernt daraus.
Für Ihre Entscheidung heisst das: Die Richtung Ihrer Frage prägt die Antwort. Wer schreibt «Ich überlege, meine Firma zu verkaufen, weil …», erhält eine gut begründete Zustimmung. Wer schreibt «Ich zweifle, ob ich verkaufen soll», erhält eine ebenso gut begründete Zurückhaltung. Beide Texte lesen sich überzeugend. Keiner von beiden hat Ihnen widersprochen.
Was Sie von der KI erwarten dürfen, ist deshalb eine Gegenposition auf Bestellung, selten Widerspruch aus eigenem Antrieb. Ein Sparringspartner ist genau dafür da: Er widerspricht, ohne dass Sie es bestellt haben, und erinnert Sie daran, was Sie vor einer Stunde noch anders gesehen haben.
Welche Firmendaten gehören nicht in einen Chat?
Alles, was Sie einem Fremden im Zug nicht laut vorlesen würden. Ein Chat ist kein Gespräch unter vier Augen, sondern eine Datenübertragung an ein Unternehmen, meistens im Ausland, zu dessen Bedingungen. Was mit Ihren Eingaben geschieht – ob sie zum Training verwendet werden, wie lange sie gespeichert bleiben, wer sie einsehen kann – steht in der Datenschutzerklärung des Anbieters und unterscheidet sich je nach Dienst, Abo und Einstellung.
Das können Sie der KI geben
- Die Struktur Ihrer Frage, ohne Namen: «Inhaber, 58, zwei Kaufinteressenten, Sohn unentschieden.»
- Ihre eigenen Argumente und Zweifel, soweit sie nur Sie betreffen.
- Zahlen und Fakten, die öffentlich bekannt sind.
- Einen Satz, den Sie formulieren wollen, ohne den Adressaten zu nennen.
Das gehört nicht in einen Chat
- Namen von Mitarbeitenden, Partnern, Käufern und Familienmitgliedern – und was Sie über sie denken.
- Zahlen, die nicht öffentlich sind: Umsatz, Marge, Kaufpreisvorstellungen, Bankverbindungen.
- Dokumente Dritter: Verträge, Term Sheets, Gutachten, E-Mails, die Ihnen jemand im Vertrauen geschickt hat.
- Gesundheitliches, Eheliches, Erbrechtliches – alles, was in einem Streit gegen Sie oder andere verwendet werden könnte.
Hier liegt der Unterschied zum Sparring offen. Bei Chelini ist Vertraulichkeit eine schriftliche vertragliche Zusage mit drei genannten Grenzen: eine rechtsverbindliche Anordnung eines Gerichts oder einer Behörde, akute Gefahr für Leib und Leben, das Wohl eines Kindes. Keine Aufzeichnungen; knappe Notizen, die spätestens zwölf Monate nach Abschluss vernichtet werden. Ein Berufsgeheimnis wie bei Ärzten oder Anwälten ist das nicht, und ich behaupte es auch nicht – was in der Schweiz für Coaches gilt, steht in einer eigenen Notiz. Der Abstand zum Chat bleibt trotzdem gross: Sie wissen, wer zuhört und wo das Gesagte bleibt.
Wann brauchen Sie statt der KI einen Menschen?
Drei Tests, bevor Sie den nächsten Chat öffnen:
- Namen, Zahlen und Gefühle gehören nicht in den Chat. Wenn Sie die Hälfte weglassen müssen – wer beteiligt ist, was es kostet, was Sie dabei empfinden –, fehlt der KI genau der Teil, um den es geht.
- Sie wollen Widerspruch, den Sie nicht bestellt haben. Die KI liefert Gegenargumente auf Anfrage und bleibt dabei höflich. Wer von sich aus sagt «Das passt nicht zu dem, was Sie vorhin gesagt haben», ist ein Mensch.
- Es geht um Sie, nicht um die Argumente. Ist die Liste der Gründe vollständig und Sie entscheiden trotzdem nicht, fehlen keine Argumente. Dann geht es um das, was Sie wollen und was Sie fürchten, und das klärt sich im Gespräch, nicht im Chat.
Trifft einer der drei Punkte zu, ist die Vorarbeit abgeschlossen.
Was kann ein Mensch, was die KI nicht kann – und umgekehrt?
| ChatGPT | Sparringspartner | |
|---|---|---|
| Verfügbarkeit | Sofort, jederzeit, auch um drei Uhr morgens | Termin, vor Ort meist innerhalb von ein bis zwei Wochen |
| Breite | Kennt jedes Argument, das je aufgeschrieben wurde | Kennt die Argumente, die in Ihrem Fall zählen |
| Ihr Umfeld | Weiss nur, was Sie eingeben | Hört, was Sie auslassen, und fragt nach |
| Widerspruch | Auf Bestellung, selten von sich aus | Von sich aus, auch wenn es unbequem ist |
| Verantwortung | Keine Person, die zur Antwort steht | Eine Person mit Namen, die zu ihrer Rückmeldung steht |
| Vertraulichkeit | Nach den Bedingungen des Anbieters | Schriftlich vereinbart, mit drei genannten Grenzen |
| Kosten | Gratis oder ein Monatsabo | Pro Gespräch, kein Abo, kein Paket; fixer Preis nach Format und Dauer, genannt im vertraulichen Gespräch vorab |
| Danach | Ein Text, den Sie löschen können | Ein nächster Schritt, den Sie selbst benannt haben |
Die KI gewinnt bei Tempo, Breite und Preis. Der Mensch gewinnt dort, wo es um Sie geht: Er bemerkt, dass Sie beim Thema Sohn schneller sprechen, hält Ihnen vor, dass Sie vor einer Stunde das Gegenteil gesagt haben, und bleibt sitzen, wenn es unbequem wird. Ich habe lange als Ingenieur gearbeitet und schätze Werkzeuge, die schnell und gründlich sind. Aber ein Werkzeug trägt nichts mit; geht die Entscheidung schief, ist der Chat gelöscht, und Sie sind allein damit. Wer in Ihrem Umfeld überhaupt noch frei widerspricht, ist eine eigene Frage.
Wie kombinieren Sie beides vor einer grossen Entscheidung?
In dieser Reihenfolge:
- Sortieren mit der KI. Diktieren Sie alles, anonymisiert, und lassen Sie sich Gliederung, Gegenargumente und offene Fragen geben. Drucken Sie das aus.
- Markieren, was Sie weggelassen haben. Notieren Sie am Rand, was Sie der KI nicht geben wollten oder konnten: Namen, Zahlen, Gefühle, Loyalitäten. Das ist meist der Kern der Sache.
- Mit einem Menschen sprechen. Über die Randnotizen, nicht über den Ausdruck. Das Gespräch beginnt dort, wo der Chat aufgehört hat. Steht die Frist fest, reicht oft ein einziges Gespräch.
- Zurück zur KI für den Text. Ist die Entscheidung gefallen, hilft die KI wieder: beim Brief an den Käufer, bei der Agenda für das Familiengespräch.
Ein Hinweis noch: Wenn es Ihnen nicht gut geht und Sie nachts mit einem Chatbot über Dinge sprechen, die ein Mensch hören sollte, suchen Sie sich diesen Menschen – Hausarzt, Psychotherapie oder jemand aus Ihrem Umfeld. Weder KI noch Sparring ersetzen das; was Sparring ist und was nicht, sage ich Ihnen offen.
Kurz gesagt
ChatGPT ordnet, liefert Gegenargumente und formuliert, und das gut. Es kennt Ihr Umfeld nicht, trägt keine Verantwortung und folgt Ihrer Neigung, weil es dafür gebaut ist. Nutzen Sie die KI zum Sortieren und einen Menschen zum Entscheiden – einen, der widerspricht, wenn Sie Ihre Entscheidung schon mit der KI durchgespielt haben.
Wenn Sie diese Frage mit jemandem durchdenken möchten, der nichts davon hat: Winn Chelini, unabhängiger Vertrauter und Sparringspartner in Zürich, an der Goldküste und in Zug. Der erste Schritt ist ein vertrauliches Gespräch – 20 Minuten, telefonisch oder per Video, kostenlos und ohne Nachfassen.
Kurz beantwortet
Fragen zu diesem Thema
Wie merke ich, ob die KI mir nur zustimmt?
Stellen Sie dieselbe Frage in zwei neuen Chats, einmal mit Ihrer Neigung, einmal mit der Gegenneigung. Lesen sich beide Antworten überzeugend, hat die KI sich Ihnen angepasst. Verlangen Sie danach ausdrücklich die stärksten Einwände gegen Ihre bevorzugte Variante – und rechnen Sie damit, dass auch diese Liste höflich bleibt.
Darf ich den Namen meiner Firma oder meines Partners in den Chat schreiben?
Besser nicht. Beschreiben Sie die Lage ohne Namen und ohne nicht-öffentliche Zahlen: «Inhaber, 58, zwei Kaufinteressenten, Sohn unentschieden» reicht für eine brauchbare Gliederung. Was Sie eingeben, verarbeitet der Anbieter nach seinen eigenen Bedingungen, meist im Ausland; lesen Sie dessen Datenschutzerklärung, bevor Sie etwas eingeben, das nicht Ihnen allein gehört.
Nutzen Sie selbst KI im Sparring?
Nein. Ich zeichne Gespräche nicht auf, und was Sie mir erzählen, landet in keinem KI-Dienst. Meine Notizen sind knapp und werden spätestens zwölf Monate nach Abschluss vernichtet. Wenn Sie vor dem Gespräch mit einer KI sortiert haben, bringen Sie den Ausdruck gern mit – wir beginnen dort, wo der Chat aufgehört hat.
Quellen
- Netzwoche: «Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung nutzen bereits KI-Chatbots» – Comparis/Innofact-Umfrage, März 2026, n = 1'035 – netzwoche.ch, abgerufen am
- Anthropic: «Towards understanding sycophancy in language models», 23. Oktober 2023 – anthropic.com, abgerufen am
Veröffentlicht: Zuletzt aktualisiert:
Das vertrauliche Gespräch. Kostenlos, 20 Minuten.
Am Telefon oder per Video. Sie müssen nichts vorbereiten und nichts begründen. Danach wissen Sie, ob meine Art zu Ihnen passt.
oder direkt anrufen:Anrufen: +41 78 239 12 12
